Exilliteratur

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Exilliteratur
Exil|li|te|ra|tur ‚Ć©f. 20‚Ć™ die von den w√§hrend des Nationalsozialismus im Exil lebenden Schriftstellern geschriebenen Werke

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Exil|li|te|ra|tur, die; -, -en <Pl. selten>:
Literatur von Autorinnen u. Autoren, die im Exil leben (bes. Werke deutscher Autorinnen u. Autoren, die während des Nationalsozialismus im Exil lebten).

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Exilliteratur,
 
EmigraŐ£ntenliteratur, die Gesamtheit der literarischen Werke von Autoren, die ihr Land aus politischen, rassischen oder religi√∂sen Gr√ľnden verlassen mussten oder aufgrund ¬Ľeigener¬ę Entscheidung verlie√üen. Im weiteren Sinn werden auch Werke nicht exilierter Autoren, die nur im Ausland publizieren k√∂nnen, als Teil der Exilliteratur betrachtet.
 
Staatliche Unterdr√ľckung, Zensur, Schreibverbot oder Verbannung zwangen Schriftsteller, K√ľnstler, Wissenschaftler u. a. seit fr√ľhesten Zeiten zur Emigration. In der Antike waren z. B. Hipponax und Ovid Exilautoren, im Mittelalter u. a. Dante. W√§hrend der Religionskriege des 16. Jahrhunderts entstand die erste gro√üe Welle von Exilliteratur, v. a. als Literatur der exilierten Protestanten aus streng katholischen L√§ndern. Im 17. und 18. Jahrhundert √ľberwog weiterhin die Literatur des Exils aus religi√∂sen, ab Ende des 18. Jahrhunderts insbesondere aus politischen Gr√ľnden (u. a. A. Chamisso). Die Werke der franz√∂sischen Aufkl√§rung erschienen meist in Amsterdam oder London. Die deutschen Exilautoren der 1. H√§lfte des 19. Jahrhunderts (H. Heine, L. B√∂rne, F. Freiligrath, G. B√ľchner, G. Weerth, G. Herwegh u. a.) gaben ihre Werke v. a. in Paris und London heraus. Die polnische Exilliteratur konzentrierte sich nach den Aufst√§nden von 1830/31 in Paris, wo die wichtigsten Werke der polnischen Romantik erschienen (A. Mickiewicz, J. SŇāowacki, Z. KrasiŇĄski, sp√§ter C. K. Norwid u. a.). Weniger bedeutsam war die franz√∂sische Exilliteratur dieser Zeit (H. B. Constant, Madame de St√§el u. a.). In der 2. H√§lfte des 19. Jahrhunderts nahm die russische Exilliteratur gr√∂√üere Ausma√üe an. Wichtig, auch f√ľr das politische und literarische Leben in Russland, war die T√§tigkeit von A. I. Herzen und N. P. Ogarjow, die in London den Almanach ¬ĽPoljarnaja zvezda¬ę (Polarstern, 1855-62 und 1869) und die Zeitschrift ¬ĽKolokol¬ę (Die Glocke, 1857-67) herausgaben.
 
Die l√§ngste Exilgeschichte des 20. Jahrhunderts hat die russische Literatur. Bis zum Fr√ľhjahr 1917 stammten die Werke der russischen Exilliteratur (z. B. M. Gorkijs Roman ¬ĽDie Mutter¬ę, englisch 1906, russisch Berlin 1908) meist von Schriftstellern, die gegen das zaristische Russland opponierten, im Herbst 1917 begann die gegen das sowjetische Regime gerichtete Exilliteratur. Zwischen den Weltkriegen konzentrierte sich die T√§tigkeit der Exilverlage in Paris, Berlin, Prag und in den USA. Bis Anfang der 30er-Jahre gab es zwischen der Exilliteratur und der Literatur in der UdSSR manche Parallelen, die sich sowohl in der Wahl der Themen (Erster Weltkrieg, Revolution, B√ľrgerkrieg, Probleme der Bauern und der Intelligenz) als auch in der Existenz derselben √§sthetischen Str√∂mungen (Reste des Symbolismus, dann Futurismus, Realismus u. a.) manifestierten. Ein Teil der emigrierten Intelligenz kehrte in ihr Land zur√ľck, z. B. W. B. Schklowskij, A. Belyj, A. N. Tolstoj. Ihre im Exil ver√∂ffentlichten Werke wurden in der UdSSR zum Teil neu herausgegeben und geh√∂ren damit sowohl zur Exilliteratur als auch zur Sowjetliteratur (russische Literatur). Die wichtigsten Exilzeitschriften waren ¬ĽSovremennye zapiski¬ę (Zeitgen√∂ssische Aufzeichnungen, Paris 1929-40) und ¬ĽVolja Rossii¬ę (Freiheit Russlands, Prag/Paris 1922-32). Mehrere Exilautoren genossen internationalen Ruf, der u. a. durch die Verleihung des Nobelpreises (1933) an den in Paris lebenden Im Allgemeinen Bunin zum Ausdruck kam. Anfang der 30er-Jahre endeten die Kontakte zwischen dem literarischen Exil und der UdSSR wie auch die Parallelen zwischen der Exilliteratur und der Sowjetliteratur. Erst nach dem Tod Stalins wurden in der UdSSR einige Werke der Exilliteratur aus der Zeit zwischen den Weltkriegen herausgegeben. Nach 1945 entwickelte sich eine neue russische Exilliteratur: Zun√§chst waren es v. a. Autoren, die durch Kriegsereignisse nach Westeuropa gelangt waren und nicht in ihr Land zur√ľckkehren wollten. Fast alle begannen erst im Exil zu ver√∂ffentlichen. F√ľr die im Krieg eingestellten Zeitschriften entstanden als Ersatz ¬ĽNovyj Ňĺurnal¬ę (Neue Zeitschrift, New York 1942) und ¬ĽGrani¬ę (Grenzlinien, Frankfurt am Main 1946). Neben dem Pariser YMCA-Verlag, der schon vor 1939 existierte, √ľbernahmen Verlage in den USA (v. a. Tschechow-Verlag, New York, 1951) sowie 1946 in Frankfurt am Main der Posev-Verlag eine f√ľhrende Rolle. Ende der 60er-Jahre ging eine betr√§chtliche Zahl der in der UdSSR lebenden Schriftsteller in die Emigration (wobei A. A. Amalrik z. B. seine Auswanderung als ¬Ľgetarnte Form der Verbannung¬ę charakterisierte), andere wurden offen zur Emigration gezwungen, wie z. B. die Nobelpreistr√§ger Im Allgemeinen Brodskij (1972) und A. I. Solschenizyn (1974). In den 70er-Jahren entstanden neue Zeitschriften (¬ĽKontinent¬ę, Paris 1974, Bonn 1986; ¬ĽVremja i my¬ę [Die Zeit und wir], New York 1975; ¬ĽSintaksis¬ę [Syntax], Paris 1978) und mehrere neue Verlage, v. a. in den USA. Die Exilzeitschriften und zum Teil auch die literarischen Werke des Exils widmeten sich neben der Kritik an der UdSSR der Analyse der verschiedenen Str√∂mungen, Gruppierungen und Pers√∂nlichkeiten des russischen Exils. Probleme der Politik, Moral, Religion und Philosophie, aber auch der √Ąsthetik wurden in den Zeitschriften ¬ĽTret'ja volna¬ę (Die dritte Welle), ¬ĽEcho¬ę, ¬ĽKovńćeg¬ę (Die Arche), ¬ĽRusskoe vozroŇĺdenie¬ę (Die russische Wiedergeburt), ¬ĽGnosis¬ę u. a. behandelt.
 
Die gr√∂√üte Gruppe in der Geschichte der Exilliteratur bildet die literarische Produktion der w√§hrend der Zeit des Faschismus und Nationalsozialismus im Exil lebenden Schriftsteller. F√ľr Italien ist v. a. I. Silone, f√ľr Spanien sind u. a. S. de Madariaga y Rojo, R. J. Sender, A. Casona und R. Alberti zu nennen.
 
Als deutschsprachige Exilliteratur nach 1933 werden in der Regel nur die belletristischen und publizistischen Schriften bezeichnet. Stationen des Exils waren nach der Errichtung der nationalsozialistischen Diktatur die europ√§ischen Nachbarstaaten des Deutschen Reichs, nach der Okkupation √Ėsterreichs 1938 und der Tschechoslowakei 1939 begann f√ľr einen Teil der Fl√ľchtlinge und 1940 nach der Besetzung D√§nemarks, der Beneluxstaaten und Frankreichs f√ľr die Mehrzahl die zweite Vertreibung (Zentren der ersten Periode: Paris, Amsterdam, Prag, Wien, Moskau; Zentren der Kriegsjahre: Moskau, die USA, Mexiko, die Schweiz, Schweden, Gro√übritannien und Pal√§stina). In den Zentren entstanden neue Verlage; f√ľhrend waren der Malik-Verlag (Prag, London), Querido (Amsterdam), Aurora (New York). Auch zahlreiche Emigrantenzeitungen und -zeitschriften wurden gegr√ľndet (Exilpublizistik). - Die in Zeitschriften und in Einzelausgaben ver√∂ffentlichte Exilliteratur war in ihren Zielen uneinheitlich; gemeinsames Kennzeichen war die √Ėffnung der thematischen Konzeption f√ľr Zeitgeschichte und Politik, im Besonderen die grunds√§tzliche Opposition gegen den Nationalsozialismus. Der Grad der Revision des bis dahin vorherrschenden apolitischen Kunstverst√§ndnisses hing zum Teil davon ab, ob die Autoren vor politischer Verfolgung, vor der Rassendiskriminierung oder aus moralischer Verachtung der nationalsozialistischen ¬ĽKulturbarbarei¬ę gefl√ľchtet waren. Versuche der politischen Einigung durch √ľberparteiliche Zeitschriften, den Schutzverband Deutscher Schriftsteller oder das deutsche Volksfront-Komitee (ab 1935) wurden nur begrenzt wirksam. Die Exilliteratur umfasste politische Literatur zu den Vorg√§ngen in Deutschland (etwa T. Manns Aufs√§tze zur Zeit ¬ĽAchtung, Europa!¬ę, 1938, ¬ĽDeutsche H√∂rer. 25 Radiosendungen nach Deutschland¬ę, 1942; A. Scharrers, W. Bredels, E. Weinerts u. a. Ansprachen √ľber Radio Moskau), wissenschaftliche und essayistische Werke (z. B. A. Kerr: ¬ĽWalther Rathenau¬ę, 1935; E. Bloch: ¬ĽErbschaft dieser Zeit¬ę, 1935; B. Walter: ¬ĽGustav Mahler¬ę, 1936), Autobiographien (z. B. E. Toller: ¬ĽEine Jugend in Deutschland¬ę, 1933; K. Mann: ¬ĽThe turning point¬ę, 1942, deutsch ¬ĽDer Wendepunkt¬ę; S. Zweig: ¬ĽDie Welt von gestern¬ę, herausgegeben 1942), sp√§ter die politische Publizistik (z. B. H. Mann: ¬ĽEin Zeitalter wird besichtigt¬ę, 1946; W. Mehring: ¬ĽLost library¬ę, 1951, deutsch ¬ĽDie verlorene Bibliothek¬ę) und literarische Werke im engeren Sinn, in denen, besonders nach Kriegsausbruch, vielf√§ltig die Zeiterfahrungen gestaltet wurden. Es entstand Lyrik, z. B. von B. Brecht, J. R. Becher, P. Zech, E. Arendt, Else Lasker-Sch√ľler, F. Werfel, M. Herrmann-Neisse, E. Weinert, W. Mehring, Nelly Sachs, A. V. Thelen, E. Waldinger; Romane schrieben K. Mann (¬ĽMephisto¬ę, 1936), B. Frank (¬ĽDer Reisepa√ü¬ę, 1937), L. Feuchtwanger (¬ĽExil¬ę, 1940), Anna Seghers (¬ĽTransit¬ę, 1944), ferner A. D√∂blin, B. Uhse, H. Kesten, Irmgard Keun, A. Zweig u. a. Daneben stehen bedeutsame Werke ohne unmittelbaren Bezug zur Zeitsituation (T. Mann: ¬ĽJoseph und seine Br√ľder¬ę, Band 1-4, 1934-43, ¬ĽLotte in Weimar¬ę, 1939; F. Werfel: ¬ĽDer veruntreute Himmel¬ę, 1939, ¬ĽDas Lied von Bernadette¬ę, 1941; R. Musil: ¬ĽDer Mann ohne Eigenschaften¬ę, Band 3, 1943; H. Broch: ¬ĽDer Tod des Vergil¬ę, 1945). Eine typische Erscheinung war die Zuwendung zur Vergangenheit in Geschichtsromanen (B. Frank, L. Feuchtwanger, S. Zweig, R. Neumann, H. Mann, H. Kesten). St√ľcke zur Zeitgeschichte schrieben F. Wolf (¬ĽProfessor Mamlock¬ę, entstanden 1934, gedruckt 1939 unter dem Titel ¬ĽDr. Mamlocks Ausweg¬ę), B. Brecht (¬ĽFurcht und Elend des Dritten Reiches¬ę, 1938, u. a.), E. Toller (¬ĽPastor Hall¬ę, 1939), F. Werfel (¬ĽJacobowsky und der Oberst¬ę, 1944). Im Exil lebten ferner u. a. W. Bredel, M. Brod, E. Canetti, E. Claudius, L. Frank, S. Friedlaender, C. Goetz, S. Heym, H. E. Jacob, Paula Ludwig, A. Mombert, E. E. Noth, L. Perutz, T. Plivier, A. Polgar, E. M. Remarque, L. Renn, A. Schaeffer, R. Schickele, F. von Unruh, E. Weinert, F. C. Weiskopf, E. Weiss, C. Zuckmayer. Die verzweifelte Lage trieb K. Tucholsky, W. Hasenclever, E. Toller, S. Zweig und W. Benjamin in den Selbstmord. Viele Exilschriftsteller blieben in den Gastl√§ndern (so M. Zweig, B. Fruchtmann, W. Kraft, F. Naschitz in Pal√§stina/Israel); manche Emigranten, so E. Fried und Hilde Domin, begannen ihre eigentliche literarische Produktion erst nach dem Krieg.
 
Die wichtigsten Werke der deutschsprachigen Exilliteratur wurden nach 1945 in der Bundesrepublik Deutschland und in der DDR neu oder erstmalig herausgegeben. - Es gibt mehrere Institutionen, die sich mit der Erforschung der Exilliteratur besch√§ftigen: Neben der ¬ĽWiener Library¬ę in London ist die Sondersammlung ¬ĽDeutsche Exilliteratur¬ę innerhalb der Deutschen Bibliothek in Frankfurt am Main die umfangreichste Dokumentation der Exilliteratur in Europa. - Eine neue Emigrationsbewegung entstand innerhalb Deutschlands, als sich nach dem Bau der Berliner Mauer, verst√§rkt nach der Niederschlagung des ¬ĽPrager Fr√ľhlings¬ę 1968, viele Schriftsteller vom Staat DDR distanzierten und deshalb in ihren Publikationsm√∂glichkeiten beschr√§nkt wurden. Diese Autoren siedelten - oft nach erheblichen Repressionen - in die Bundesrepublik Deutschland √ľber (u. a. P. Huchel, G. Kunert). Nach der Ausb√ľrgerung W. Biermanns 1976 verst√§rkte sich diese Bewegung (u. a. verlie√üen die DDR R. Kunze, B. Jentzsch, Jurek Becker, Sarah Kirsch, K.-H. Jakobs). deutsche Literatur
 
Die polnische Exilliteratur des 20. Jahrhunderts begann 1939. Sie konzentrierte sich in Paris, dann in London. Ein Teil der Exilautoren kehrte nach 1945 nach Polen zur√ľck (J. Tuwim, W. Broniewski, Zofia Kossak-Szczucka u. a.). Nach der Liberalisierung (1956) konnten manche Werke der im Exil gebliebenen Autoren auch in Polen erscheinen (z. B. W. Gombrowicz). Die Exilautoren gaben die Zeitschriften ¬ĽWiadomoŇõci¬ę (Nachrichten, London 1946 ff.) und ¬ĽKultura¬ę (Paris 1947 ff.) heraus; in Paris gibt es den Verlag ¬ĽInstytut Literacki¬ę (Literarisches Institut). Die Reihen der Exilautoren wurden st√§ndig durch die Autoren verst√§rkt, die Polen verlie√üen (besonders 1968 sowie 1981 nach dem Verbot der unabh√§ngigen Gewerkschaft ¬ĽSolidarnoŇõńá¬ę). Besondere Aufwertung erfuhr die polnische Exilliteratur durch Verleihung des Nobelpreises (1980) an C. MiŇāosz (USA).
 
Die tschechische Exilliteratur des 20. Jahrhunderts existierte 1916-20 in Russland; die Autoren waren Angeh√∂rige der tschechischen Legion (z. B. J. HaŇ°ek, F. Langer, R. Medek, Zdenńõk ҆tńõp√°nek, * 1896, ‚úĚ 1968). W√§hrend des Zweiten Weltkrieges wurden die Werke der Emigranten v. a. in London herausgegeben (Langer, J. Mucha u. a.). Fast alle Exilautoren sind 1945 in die Tschechoslowakei zur√ľckgekehrt. Seit 1948, nach dem kommunistischen Umsturz, entstand eine neue tschechische Exilliteratur in Frankreich, Gro√übritannien, den USA, in der Bundesrepublik Deutschland, in Schweden, Italien u. a. (Ivan Blatn√Ĺ, * 1919, ‚úĚ 1990; E. Hostovsk√Ĺ, FrantiŇ°ek Listopad, * 1921; Zdenńõk Nńõmeńćek, * 1894, ‚úĚ 1957, u. a.), die in in den Exill√§ndern gegr√ľndeten Verlagen und Zeitschriften (z. B. ¬ĽSvńõdectv√≠¬ę [Zeugnis], Paris 1956 ff.) ver√∂ffentlicht wurde. Nach der milit√§rischen Intervention der UdSSR (1968) gingen erneut zahlreiche Autoren ins Exil; 1971 gr√ľndeten sie drei neue Verlage: den ¬Ľ68 Publishers¬ę in Toronto, ¬ĽIndex¬ę in Frankfurt am Main und ¬ĽKonfrontation¬ę in der Schweiz. Mehrere der Exilautoren schreiben auch in der Sprache ihres Exillandes, so M. Kundera in franz√∂sischer, O. Filip und Gabriel Laub (* 1928, ‚úĚ 1998) in deutscher Sprache. In den Exilverlagen und -zeitschriften erschienen auch Werke von Autoren, die in der ńĆSSR lebten (z. B. von B. Hrabal und dem Nobelpreistr√§ger J. Seifert). - Der wichtigste zeitgen√∂ssische Schriftsteller der slowakischen Exilliteratur war L. MŇąańćko, der seit 1968 im Exil lebte.
 
Die ungarische Exilliteratur besteht im 20. Jahrhundert aus sehr unterschiedlichen Komponenten, auch wenn man von der Literatur der 1920 abgetrennten Landesteile absieht. Nach 1919 waren es Kommunisten, die in Wien, Berlin und Moskau arbeiteten (so G. Luk√°cs und G. H√°y, beide zweisprachig), nach der kommunistischen Machtergreifung 1948 emigrierten hingegen b√ľrgerliche Autoren (S. M√°rai, L. Szab√≥), nach dem Aufstand 1956 und in den 60er-Jahren v. a. entt√§uschte Kommunisten (T. Tardos, H√°y nochmals) sowie Antikommunisten (GyŇĎrgy Faludy, * 1910; GyŇĎizŇĎ Hat√°r, * 1914) in den Westen.
 
Die rum√§nische Exilliteratur, vertreten u. a. durch die Werke des Religionsphilosophen und Erz√§hlers M. Eliade sowie die V. Horias, P. Gomas und P. Dumitrius, gewann seit 1945 international an Gewicht; j√ľngere Emigranten aus dem rum√§nischen Banat sind in der deutschen Gegenwartsliteratur pr√§sent (Herta M√ľller, Richard Wagner).
 
Die lateinamerikanische Exilliteratur: In der nachkolonialen Zeit ist es in zahlreichen L√§ndern Lateinamerikas aufgrund zum Teil extremer politischer Strukturver√§nderungen immer wieder zu Exilphasen gekommen. So mussten z. B. in Argentinien im 19. Jahrhundert w√§hrend der Diktatur J. M. de Rosas zahlreiche Schriftsteller (u. a. D. F. Sarmiento) emigrieren, w√§hrend der Milit√§rdiktatur 1976-83 u. a. A. Di Benedetto, J. Gelman, O. Soriano und M. Puig ins Exil gehen. Nach dem Milit√§rputsch in Chile 1973 gelang es vielen Schriftstellern, im Ausland ihr literarisches Schaffen fortzusetzen, wobei die Thematisierung der sozio√∂konomischen und politischen Situation vor 1973 zu ihrem Hauptanliegen wurde. Zu den namhaftesten Autoren dieser Gruppe geh√∂ren C. Droguett, F. Alegr√≠a, J. Donoso, A. Dorfman, J. Edwards Bello, A. Sk√°rmeta und Isabel Allende. Zeitweise im Exil lebten u. a. J. Amado (Brasilien), M. √Ā. Asturias (Guatemala), C. Alegr√≠a und M. Scorza (Peru), E. Cardenal (Nicaragua). W√§hrend der Batista-Diktatur gingen viele kubanische Schriftsteller (A. Carpentier, N. Guill√©n u. a.) ins Exil, nach der Revolution F. Castros, teils aus wirtschaftlichen, teils aus politischen Gr√ľnden, Autoren wie G. Cabrera Infante und R. Arenas, in den 90er-Jahren Zo√© Vald√©s, Emilio de Armas und Mar√≠a Elena Cruz Varela. Seit einigen Jahren zeichnet sich jedoch in der Gruppe um die Zeitschrift ¬ĽAreito¬ę (gegr√ľndet 1974) in Miami (Fla.) eine erneute Ann√§herung an Kuba ab.
 
Parallelen zu Lateinamerika zeigt die Entwicklung vieler asiatischen (z. B. Indonesien, Pakistan, Iran, Vietnam) und afrikanischen Staaten nach der Erlangung ihrer Unabh√§ngigkeit. Eine Sonderstellung nahm dabei die s√ľdafrikanische Exilliteratur ein, da sie, wie die des ehemaligen Rhodesien, in einer noch kolonialer Denkweise verhafteten Rassenpolitik begr√ľndet lag, die besonders in den 60er-Jahren zur Verbannung oder Emigration einer ganzen Generation von oppositionellen Journalisten und Schriftstellern (u. a. E. Mphahlele, B. Breytenbach, Bessie Head, D. Brutus, sp√§ter W. Serote u. a.) f√ľhrte.
 
Die politische Wende in den osteurop√§ischen Staaten Ende der 80er-Jahre brachte auch die Demokratisierung des literarischen Lebens, eingeschlossen eine breitere Rezeption der Exilliteratur. Viele Autoren kehrten zur√ľck; auch A. I. Solschenizyn, bekanntester Vertreter russischer Exilliteratur, lebt seit 1994 wieder in Russland. Andere Autoren wie der Albaner I. Kadar√© w√§hlten aus entt√§uschter Hoffnung auf Demokratisierung freiwillig das Exil.
 
Zu einer einmaligen Form der Emigration mit geheimen, st√§ndig wechselnden Orten f√ľhrte der 1989 gegen den britischen Schriftsteller S. Rushdie gerichtete Mordaufruf des R. M. H. Khomeini; ein √§hnliches Schicksal hat die Schriftstellerin T. Nasrin (Bangladesh).
 
In der Folge der Ereignisse des 3./4. Juni 1989 in Peking u. a. Städten Chinas entwickelte sich eine chinesische Exilliteratur, die - zugleich auch Teil der chinesischen Avantgardeliteratur - u. a. von Bei Dao (Pei Tao), Yang Lian (Yang Lien, * 1955) und Duo Duo (To To, * 1951) repräsentiert wird.
 
Eine besondere Stellung nimmt die Exilliteratur j√ľdischer (√ľber j√ľdische Themen und aus j√ľdischer Tradition schreibender) Autoren ein. In allen angef√ľhrten Exilliteraturen (durch die Jahrhunderte hindurch) spielte und spielt sie eine herausragende Rolle. Als Autoren der j√ľdischen Exilliteratur sind diejenigen Schriftsteller zu betrachten, die in jiddischer Sprache au√üerhalb der j√ľdischen Siedlungsgebiete Osteuropas ver√∂ffentlichen. Nach 1918 bildeten sich starke Zentren v. a. in den USA (New York; z. B. I. B. Singer und I. J. Singer). W√§hrend des Zweiten Weltkriegs wurde Jiddisch in Europa praktisch ausgerottet. In der UdSSR erschienen nach 1948 nur sporadisch Werke in dieser Sprache.
 
 
Deutschsprachige E.:
 
W. A. Berendsohn: Die humanist. Front. Einf. in die dt. Emigranten-Lit., 2 Bde. (Z√ľrich 1947-76, Nachdr. Bd. 1 1978);
 
Dt. Nationalbibliogr. Erg. Bd. 1: Verz. der Schriften, die 1933-1945 nicht angezeigt werden durften, Bd. 2: Verz. der Schriften, die infolge von Kriegseinwirkungen. .. nicht angezeigt werden konnten, hg. v. der Dt. B√ľcherei Leipzig (Leipzig 1949, Nachdr. ebd. 1974);
 W. Sternfeld u. E. Tiedemann: Dt. E. 1933-45. Eine Bio-Bibliogr. (21970);
 H. A. Walter: Dt. E. 1933-50, auf mehrere Bde. ber. (1972 ff.);
 
Die dt. E. 1933-1945, hg. v. M. Durzak (1973);
 
Dt. E. seit 1933, hg. J. M. Spalek u. a., auf mehrere Bde. ber. (Bern 1976 ff.);
 
Kunst u. Lit. im antifaschist. Exil 1933-1945, 7 Bde (1-21979-87);
 A. Stephan: Die dt. E. 1933-45 (1979);
 
Dt. Exildramatik 1933 bis 1950, hg. v. N. Mennemeier u. a. (1980);
 J. Strelka: E. Grundprobleme der Theorie, Aspekte der Gesch. u. Kritik (Bern 1983);
 
E. 1933‚ÄĒ1945, hg. v. W. Koepke u. M. Winkler (1989);
 
Lexikon sozialist. dt. Lit. Ihre Geschichte in Dtl. bis 1945, hg. v. S. Barck u. a. (1994).
 
Polnische E.:
 
Literatura polska na obczyŇļnie 1940-60, hg. v. T. Terlecki, 2 Bde. (London 1964/65);
 
M. Danilewicz ZieliŇĄska: Szkice o literaturze emigracyjnej (Paris 1978).
 
Russische E.:
 
L. A. Foster: Bibliography of Russian émigré literature 1918-68, 2 Bde. (Boston, Mass., 1970);
 
B. Romanenchuk: Bibliografija vydan' ukra√Įns'ko√Į emigracijno√Į literatury, 1945-70 (Philadelphia, Pa., 1974);
 
J. Malzew: Freie russ. Lit. 1955-1980 (a. d. Russ., 1981);
 
G. Struve: Russkaja literatura v izgnanii (Paris 21984);
 
The Third Wave. Russian literature in emigration, hg. v. O. Matich u. a. (Ann Arbor, Mich., 1984);
 
Russ. Emigration in Dtl. 1918 bis 1941. Leben im europ. B√ľrgerkrieg, hg. v. K. Schloegel (1995);
 
W. Kasack: Die russ. Schriftsteller - Emigration im 20. Jh. (1996).
 
Tschechische u. slowakische E.:
 
V. N. Duben: Czech and Slovak press outside Czechoslovakia, its status in 1978 (Washington, D. C., 1978);
 
L. ҆eflov√°: Bibliogr. der Lit. tschech. u. slowak. Autoren, ersch. im Ausland 1948-1972 (K√∂ln 1978);
 
A. MńõŇ°Ň•'an: Gesch. der tschech. Lit. im 19. u. 20. Jh. (a. d. Tschech., 1984).
 
Sonstige E.:
 
C. A. Madison: Yiddish literature. Its scope and major writers (New York 1968);
 
K. Mildsch√ľtz: Bibliogr. der ungar. Exilpresse 1945-1975 (1977);
 
P. Schumm: Exilerfahrung u. Lit. Lateinamerikan. Autoren in Spanien (1990);
 
Deutsch-j√ľd. Exil- und Emigrationslit., hg. v. I. Shedletzky u. H. O. Horch (1993);
 
Literatura argentina hoy. De la dictadura a la democracia, hg. v. K. Kohut u. A. Pagni (21993);
 
La poesía de los dos orillas. Cuba (1959-93), hg. v. Loen de la Hoz (Madrid 1994).
 
Hier finden Sie in √úberblicksartikeln weiterf√ľhrende Informationen:
 
Exilliteratur: Deutsche Literatur im Exil
 

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Exil|li|te|ra|tur, die: Literatur, die entstanden ist, während ihre Autoren im Exil lebten (bes. Werke deutscher Autoren, die während des Nationalsozialismus im Exil lebten).

Universal-Lexikon. 2012.

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  • Exilliteratur ‚ÄĒ Als Exilliteratur, auch Emigrantenliteratur, wird die Literatur von Schriftstellern bezeichnet, die unfreiwillig Zuflucht in der Fremde suchen m√ľssen, weil ihre Person oder ihr Werk im Heimatland bedroht ist. Meist geben politische oder religi√∂se ‚Ķ   Deutsch Wikipedia

  • Exilliteratur ‚ÄĒ E|xil|li|te|ra|tur ‚Ć©f.; Gen.: , Pl.: en‚Ć™ die von den im Exil lebenden Schriftstellern geschriebenen Werke, bes. zur Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland; ‚Üía. s. Emigrantenliteratur ‚Ķ   Lexikalische Deutsches W√∂rterbuch

  • Exilliteratur ‚ÄĒ Exil|li|te|ra|tur die; , en <zu ‚ÜĎExil> w√§hrend eines aus politischen od. religi√∂sen Gr√ľnden erzwungenen od. freiwilligen Exils verfasste Literatur, bes. zur Zeit des ‚ÜĎNationalsozialismus in Deutschland ‚Ķ   Das gro√üe Fremdw√∂rterbuch

  • Exilliteratur ‚ÄĒ Exil|li|te|ra|tur Plural selten ‚Ķ   Die deutsche Rechtschreibung

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  • Exil-Literatur ‚ÄĒ Als Exilliteratur, auch Emigrantenliteratur, wird die Literatur von Schriftstellern bezeichnet, die unfreiwillig Zuflucht in der Fremde suchen m√ľssen, weil ihre Person oder ihr Werk im Heimatland bedroht ist. Meist geben politische oder religi√∂se ‚Ķ   Deutsch Wikipedia

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